Wider Angst und Hass - Das Fremde als Herausforderung zur Entwicklung

von: Verena Kast

Patmos Verlag, 2017

ISBN: 9783843609197 , 144 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 9,99 EUR

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Wider Angst und Hass - Das Fremde als Herausforderung zur Entwicklung


 

Hass


Was ist Hass? Hass bewirkt eine machtvolle Abwendung vom Gehassten, eine Ablehnung, eine Abgrenzung, schafft Distanz, verbunden mit dem Wunsch zu zerstören, und gleichzeitig bleibt man im Hass in eigentümlicher Weise gebunden an das Gehasste, verklammert mit dem Gehassten. In seiner Intensität ist der Hass der Liebe vergleichbar. Ihr wird er auch entgegengesetzt, und damit wird suggeriert, dass die Liebe den Hass ausgleichen könnte, meistens verbunden mit der Hoffnung, die Liebe möge den Hass etwas übertreffen. Wer kennt nicht den Hass aus enttäuschter Liebe, Hass, weil ein Bindungsangebot nicht angenommen wurde, nicht mehr angenommen wird, nicht angenommen werden konnte. Könnten das Auslöser für Hass sein: Bindungsverluste, die einem sehr wichtig waren und die man einmal hatte, oder vermeintlich hatte, Bindungsangebote, die nicht beantwortet werden, Bindungsverluste, weil der andere Mensch eben ein anderer ist, nicht so funktioniert, wie man es sich selber vorstellt?

Vom Ärger zum Hass


Ärger1 ist die Emotion, die wir für unsere Selbsterhaltung und für unsere Selbstentfaltung brauchen, das heißt aber auch: Wir brauchen den Ärger, um unsere Individualität, unsere Integrität und unseren Freiraum im Zusammensein mit anderen Menschen zu schützen, und zwar so, dass wir uns zusammen mit einem anderen Menschen, der auch auf seine Integrität und seine Identität in der Verbundenheit mit einem anderen pocht, entwickeln können.

Werden wir in unserer Selbsterhaltung gestört, werden wir etwa beleidigt, gedemütigt, körperlich angegriffen, so angefasst, so behandelt, wie wir es nicht wollen, dann empfinden wir das als ungerecht, werden ärgerlich und mahnen ein Verhalten an, das uns angemessen erscheint. Wollen wir uns entfalten, einem neuen Interesse nachgehen, und andere Menschen hindern uns daran, dann werden wir auch ärgerlich und reklamieren zum Beispiel eine bessere Balance in der Beziehung. Das Gefühl des Ärgers sagt uns, dass die Balance zwischen dem Ich und dem anderen in der Beziehung aus dem Gleichgewicht geraten ist. Solange wir in einer Beziehung oder auch im öffentlichen Raum darüber sprechen können, werden wir das Problem benennen. Fühlen wir uns aber zu schwach, weil unser Selbstwertgefühl zu unsicher ist, wagen wir den Konflikt nicht, versuchen stattdessen mit Fantasien der Rache, wieder Gerechtigkeit herzustellen. In persönlichen Konflikten müssen wir diese Rachefantasien meist gar nicht ausführen; allein sie zu haben, stabilisiert schon das destabilisierte Selbstwertgefühl – und man kann sich wieder überlegen, wie mit der Konfliktsituation umzugehen ist, so dass eine gewisse Ausgewogenheit wieder spürbar ist. Es fühlt sich dann etwas weniger ungerecht an. Das zeigt sich besonders auch in Situationen, in denen man sehr gedemütigt worden ist. Aus dem Gefühl der Scham, das aus der Demütigung folgt, entspringen aggressive Rachefantasien, die man möglicherweise auch vor sich selber verbirgt und die auch destruktiv sein können, wie etwa die Rachefantasie einer von ihrem Mann verletzten Frau, ihn mindestens eine Woche lang weder anzusehen noch mit ihm zu sprechen.

Die Emotion Ärger und die Gefühle des Ärgers haben unterschiedliche Intensität: Man kann sich ein wenig ärgern, kann aber auch sehr wütend werden, zornig, vor Wut aus der Haut fahren. Im Hass sind Ärger und ärgerbedingte Aggression mitenthalten, dennoch ist der Hass viel komplexer, viel destruktiver als Ärger und Wut es normalerweise sind. Da ist keine Aggression mehr, sondern nur noch Destruktion.

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Ärger und Hass: Wer sich ärgert, glaubt daran, dass die Welt verändert werden kann – dazu fordert das Gefühl des Ärgers ja gerade auf. Wer hasst, glaubt nicht mehr daran, dass die Welt im Guten verändert werden kann, und möchte zerstören. Ärger, Wut – das sind dynamische Emotionen, die verändern und die sich auch in sich verändern. Eine große Wut z.B. kann hochschießen, und auch da könnte man etwas zerstören, aber die Wut fällt auch wieder in sich zusammen, vor allem nachdem man herausgefunden hat, was man verändern möchte, oder auch, wie man das verletzte Selbstwertgefühl wieder in eine gute Balance bringen kann.

Hass dagegen, eine machtvolle Mischung aus Emotionen, Gefühlen und kognitiven Überzeugungen, die zu einer hasserfüllten Haltung führen, ist dauerhaft, beständig, statisch, und will durch Zerstörung ver­ändern: durch das Zerstören überhaupt, aber auch dadurch, dass bei anderen das hinreichend gute Selbstwertgefühl vernichtet wird oder ihnen ihre Daseinsberechtigung abgesprochen wird. Auch da geht es um Demütigung, und um Sadismus. Hass entwickeln wir auf etwas, das wir verabscheuen und gegen das wir uns nicht erfolgreich aggressiv wehren können. Gefühle von Ohnmacht, von Angst, von Scham angesichts von etwas, das man im hohen Maße als ungerecht empfindet, können durch den Hass abgewehrt werden: durch Rachefantasien, die zum Hass gehören und die Fantasien der Demütigung, ja des Auslöschens der Kontrahenten sind, soll diese Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen, Gerechtigkeit wiederherstellen – aber das ist so nicht möglich.

Verbunden mit dem Hass und in ihm verborgen sind außer Angst und Scham auch noch andere Gefühle, vor allem der Neid und die Eifersucht.2 Es ist ungerecht, dass andere haben – und das ist eine Fantasie –, was man selber verdient hätte, haben müsste, wozu man das Recht hätte, es zu bekommen. Der Neid­erreger, die Neiderregerin ist dann „schuld“, dass es einem nicht so gut geht, wie man denkt, dass es einem gehen müsste. Dann verabscheuen wir, was ein anderer hat, tut, kann; wir möchten es zerstören. Was gehasst wird, wird oft auch insgeheim beneidet. Man fühlt sich zu kurz gekommen und hält den anderen Menschen für die Ursache dieser Erfahrung. Gäbe es ihn oder sie nicht, müsste man nicht neiden. Aber das, was man hasst, möchte man insgeheim haben.

Natürlich steht man nicht zu diesem Neid. Es ist ja gerade das Problem von hasserfüllten Menschen, dass die starken Gefühle, die immer wieder einmal auftreten und die hinter der Entwicklung zum Hassen stehen – wie Scham, Wut, Neid, Eifersucht, Ohnmacht und die riesige Angst vor der Ohnmacht – nicht wahrgenommen werden dürfen. An ihrer Stelle steht der Hass mit den Rachefantasien oder aber auch – noch weiter entfernt von lebendigen Emotionen – der menschenverachtende Zynismus („Sollen die doch im Mittelmeer ersaufen, wir haben sie ja nicht gerufen!“).

Hass und Rachefantasien beruhen letztlich auf dem „RAGE System“, einem der primär-prozesshaften Emotionssysteme, die wir mit den Tieren teilen.3 Im Laufe der Entwicklung eines Menschen werden die verschiedenen Emotionen im Kontakt mit den anderen Menschen belebt. Gefühle und Gedanken verbinden sich miteinander, auch beim Sich-Erinnern, und so werden diese an sich ursprünglichen Emotionen mit sprachlichen, kognitiven, bildhaften Prozessen verknüpft. Das heißt: Die Gefühle können wahrgenommen und aus­gedrückt werden, und man kann auch darüber re­flektieren, also auch Abstand zu ihnen schaffen. Jaak Panksepp spricht in diesem Zusammenhang von einem tertiären Level. Das gilt auch für den Hass. Wer hasst, weiß, wo er oder sie ungerecht behandelt worden ist, hat Bilder der Rache zur Verfügung, könnte sich aber auch versöhnen. Die Idee, sich zu versöhnen, kann nur von diesem tertiären Level aus kommen. Im Hass steckt so besehen durchaus auch Wut, aber diese ist schon mit vielen Überzeugungen durchsetzt.

Reaktiver Hass und Hass als Charaktereigenschaft: eine Unterscheidung


Reaktiver Hass

Der Hass grenzt ab, schafft Abstand; er kann eine Situation freilegen, wie sie wirklich ist und nicht wie wir sie, etwas geschönt, gerne sehen. Der Hass kann den Schleier der Verstellung, des Zudeckens, für einen Moment zerreißen. Ein Moment der Wirklichkeit, die auch gilt. Es ist nicht die einzige Wirklichkeit, aber vielleicht die, die wir am ehesten verdrängen, die wir nicht sehen wollen. Wenn wir aber im Hass steckenbleiben, er länger dauert als notwendig, um etwas Wichtiges freizulegen, dann sind wir hasserfüllt, und diese Perspektive wird sich leicht verabsolutieren. Da wird dann nicht mehr etwas oberflächlich Geschöntes zerrissen, um einer differenzierteren Wirklichkeit zur Existenz zu verhelfen, sondern es wird die Wirklichkeit der Brutalität an die Stelle der Wirklichkeit auch des Schönen gesetzt.

Hass kann durchaus sinnvoll sein: Wenn eine objektive Gefahr besteht, die mich oder meine Lieben, meine Werte, meine Ideale zu zerstören droht, ist Hass angemessen und setzt Kräfte frei. (Die Frau, die vergewaltigt wird, hasst den Vergewaltiger; der Mensch, der gefoltert wird, hasst den Folterer.)

Auch der Hass, wenn er nicht zu einer Dauerhaltung wird, hat seinen Sinn. Auch er zeigt uns etwas Wichtiges: Er kann uns dazu führen, den Verhältnissen mehr auf den Grund zu gehen, als wir dies normalerweise tun. Er muss aber durch die Liebe, auch zum Schönen, ergänzt sein, soll dieses „Zerreißen der Oberfläche“ nicht destruktiv werden. So falsch wir die Welt und die Mitmenschen sehen, wenn wir ganz vom Hass dominiert sind, so falsch können wir sie auch sehen, wenn wir den Hass nicht zulassen.

Hass als Charaktereigenschaft

Im Unterschied zum reaktiven Hass gibt es den Hass als Charaktereigenschaft, Hass, der sich in die Persönlichkeit eingeprägt hat und sich als eine beständige Feindseligkeit dem Leben gegenüber zeigt, verbunden mit der kognitiven Überzeugung, ungerecht behandelt zu...