Früherkennung von Entwicklungsstörungen

von: Waldemar von Suchodoletz

Hogrefe Verlag Göttingen, 2005

ISBN: 9783840918773 , 297 Seiten

Format: PDF, OL

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 30,99 EUR

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Früherkennung von Entwicklungsstörungen


 

7 Frühdiagnostik bei Intelligenzstörungen (S. 147-148)

Klaus Sarimski
Von Kinderärzten, Mitarbeitern in Frühförderstellen und Sozialpädiatrischen Zentren wird nicht selten eine Antwort auf die Frage erwartet, ob sich ein kleines Kind weitgehend altersgerecht entwickeln oder in seinem Lern- und Auffassungsvermögen dauerhaft beeinträchtigt sein wird. Während eine ausgeprägte Entwicklungsstörung auch im frühen Lebensalter relativ leicht zu erkennen ist, fällt die Antwort auf diese Frage bei leichter gestörten Kindern schwerer. Herkömmliche Entwicklungstests können in diesen Fällen zwar einzelne Auffälligkeiten dokumentieren und eine Orientierungshilfe über den Entwicklungsstand und die Abweichung von der unbeeinträchtigten, „normalen" Entwicklung geben, erlauben aber nicht immer eine eindeutige prognostische Aussage. Dies führt nicht selten dazu, dass die Fragen der Eltern nach der Prognose lange Zeit offen gelassen und diese damit in ihrer Auseinandersetzung mit den Zukunftsfragen alleingelassen werden. Dies erleben viele Eltern von Kindern mit dauerhaften Intelligenzstörungen im Rückblick als wenig hilfreich.

7.1 Charakteristika von Intelligenzstörungen

Das internationale Klassifikationssystem der ICD-10 unterscheidet eine leichte (IQ 50 bis 70) von einer mittelgradigen (IQ 35 bis 49), schweren (IQ 20 bis 34) und schwersten Intelligenzminderung (IQ < 20). Auch die „American Association of Mental Deficiency" (AAMD) benutzt in ihrer Definition einen psychometrisch erfassten Stand der intellektuellen Fähigkeiten zur Definition der mentalen Retardierung. Sie grenzt diese von leichteren Entwicklungsproblemen ab als bedeutsame Abweichung des IQ-Werts von der durchschnittlichen intellektuellen Leistungsfähigkeit um mehr als zwei Standardabweichungen verbunden mit einer Einschränkung der adaptiven Fähigkeiten um mehr als zwei Standardabweichungen in einem entsprechenden Beurteilungsverfahren.

Beide Definitionen benutzen somit die Ergebnisse psychometrischer Testverfahren als Kriterium der diagnostischen Zuordnung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zur Personengruppe der Menschen mit Störungen der intellektuellen Entwicklung bzw. mit geistiger Behinderung. Innerhalb der Gruppe von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung liegt der Anteil der leichten Intelligenzminderung bei ca. 80%, der mittelgradigen bei etwa 12%, der schweren bei 7% und der schwersten Intelligenzminderung bei < 1% (von Gontard, 2003). In Bezug zur Gesamtpopulation beträgt der Anteil der Kinder mit einem IQ < 50 in epidemiologischen Untersuchungen ca. 0.4% und ca. 0.5%, wenn man den Anteil aller Schüler an Schulen für Geistigbehinderte auf die Gesamtzahl der Kinder eines Jahrgangs bezieht (z. B. Stromme & Valvatne 1998).

Die Ursachen der Intelligenzminderung verteilen sich in den beiden Teilgruppen der leichten und schweren geistigen Behinderung unterschiedlich. Eine aktuelle Untersuchung in Norwegen identifizierte in einer Population von 30.037 Kindern insgesamt 178 Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung, die ausführlich untersucht wurden (Stromme & Hagberg 2000). Es ließen sich bei fast allen Kindern mit schwerer geistiger Behinderung biologisch-organische Ursachen feststellen (70% pränatal bedingt durch chromosomale und non-chromosomale Dysmorphiesyndrome). Aber auch bei mehr als der Hälfte der Kinder mit leichter geistiger Behinderung lag eine pränatale Ursache vor.

Dabei handelte es sich vor allem um genetische Syndrome oder Anlageveränderungen, die nicht eindeutig zugeordnet werden konnten (unspezifische Dysmorphiesyndrome). Bei 4 bis 5% der Kinder kam es durch perinatale Ursachen (sehr unreife oder extrem unreife Geburt mit nachfolgenden Komplikationen) zu dauerhaften Störungen der intellektuellen Entwicklung. Die klassische Auffassung, dass es sich bei der leichten geistigen Behinderung lediglich um „das linke Ende der IQ-Normalverteilung" handelt und hier familiäre und soziale Entwicklungsfaktoren kausal zusammenwirken, trifft sicherlich nur für eine Minderheit dieser Kinder zu.