Tagebuch einer SehnSucht - Wie ich meine Tochter an die Drogen verlor

von: Ina Milert

hansanord Verlag, 2019

ISBN: 9783947145188 , 192 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 8,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Tagebuch einer SehnSucht - Wie ich meine Tochter an die Drogen verlor


 

Schreiben heißt, um Vergebung zu bitten



Nach Leas Tod schlugen mir Freunde und Bekannte vor, das, was ihr passiert ist, aufzuschreiben. Keine schlechte Idee, dachte ich, dann schreib' ich mal ein Buch.

Tage, Wochen, Monate und Jahre vergingen, und ich brachte keine Zeile zu Papier. Gelesen habe ich viel, von Eltern, denen Ähnliches widerfahren ist, Romane, Blogs, Gedenkseiten. Mit meinen Notizen könnte ich Bände füllen, aber es wurde eben kein Buch. Denn dazu hätte ich mich erinnern müssen und nicht nur den Schmerz aushalten, sondern auch die Schuld. Meine tatsächlichen Fehler eingestehen und eben auch mit dem abstrakten Schuldgefühl umgehen. Nach dem Verlust des Kindes fühlt man sich schon einfach deshalb schuldig, weil man den Tod nicht verhindern konnte.

Dann, nach fast zehn Jahren ohne Lea, erzählte ich jemandem, der uns nicht kannte, ihre Geschichte. Und plötzlich konnte ich Türen, die ich zuvor verschlossen hielt, wieder öffnen. Nicht nur einen Spalt, nein, ich konnte ertragen, was ich sah. Natürlich habe ich immer, jeden Tag, immer wieder, an Lea gedacht, von ihr erzählt; die Wohnung ist voller Bilder, aber ich habe alles, was zu sehr weh tat, einfach wieder weggeschoben. Hinter die Tür. 

Durch diese Gespräche lag alles vor mir, und ich wollte es aufschreiben. Zunächst einmal nur für mich, ohne nach Schuld zu suchen; weder nach eigener noch nach fremder. 

Geschrieben habe ich schon immer, seit der Oberstufe täglich in Kalendern notiert, was ich gemacht habe und wie ich mich fühlte. Und nach dem Beginn meines Studiums, 1980, auch Briefe, die meine Mutter alle aufbewahrt hatte und mir kürzlich gab. Ich konnte mich bei meinen Erinnerungen darauf stützen. Ein Leben in Stichworten sozusagen, festgehalten ohne Hintergedanken. Inzwischen gibt es zahlreiche Untersuchungen zur heilenden Kraft des Schreibens. Eine Studie dazu fand ich besonders interessant: Wissenschaftler ordneten Studenten zufällig zwei Gruppen zu, eine Gruppe ließen sie an vier aufeinanderfolgenden Tagen jeweils 15 Minuten über ein traumatisches Erlebnis schreiben, die Kontrollgruppe über ein oberflächliches Thema. Langfristig waren die Studenten und Studentinnen, die ihre Traumata formuliert hatten, körperlich und geistig gesünder als die der Kontrollgruppe. Auch wenn ich das an mir nicht beobachten kann, waren meine Aufzeichnungen trotzdem hilfreich. Als plötzlich meine fast 40 Jahre Leben vor mir lagen, musste ich mich damit auseinandersetzen. Hinterfragen, bessermachen. 

Das Schreiben hat mir geholfen, aus Gedankenstücken, Erinnerungen und Gefühlen eine Geschichte zu machen. Und wenn ich das Unsagbare ausdrücken kann, dann kann ich auch Anderen davon erzählen.

Nicht als Ratgeber, denn ich kann und will keinen Rat geben; Ratschläge sind oft eben auch bloß Schläge. Aber ich glaube trotzdem, dass ich anderen Kindern, ihren Eltern, vielleicht sogar anderen Trauernden helfen kann. Alleine dadurch, dass ich eigenes Erleben und meinen Schmerz teile.


Das kommt in den besten Familien vor


Eltern, die entdecken, dass ihr Kind Drogen konsumiert, fühlen sich meist hilflos und allein. Aber sie sind es nicht. Doch wie sie ziehen sich auch viele andere betroffene Eltern zurück. Aus Scham? Aus Angst vor sozialer Ächtung? Ich habe Leas Drogensucht nie verheimlicht und erhielt nie direkte negative Reaktionen. Das kann an meinem Beruf und dem sozialen Umfeld liegen. Ganz sicher werden viele auch gedacht haben, ihnen könne das nicht passieren. Doch, das kann es. Drogensucht ist kein Problem, das nur andere betrifft. Konsumiert wird in allen gesellschaftlichen Schichten. Und wenn das eigene Kind in die Abhängigkeit, egal von welcher Art  Drogen, gerutscht ist, braucht man Hilfe. Und die findet man nur, wenn man das Problem beim Namen nennt. Es gibt kein Richtig oder Falsch, jeder Mensch ist anders. Und jeder Mensch muss und darf für sich entscheiden. 

Kürzlich las ich von Henry Markram, einem bekannten Hirnforscher, bei dessen Sohn Kai Autismus diagnostiziert wurde, und der daraufhin alle Lehrsätze über den Haufen warf: „Jeder denkt ja, ein Hirnforscher könne seinem Kind mehr helfen als andere Eltern. Aber ich fühlte mich noch ohnmächtiger. Ich wusste ja, wie wenig wir diese Krankheit verstanden.“ Markram unternahm eigene Forschungen und machte damit Kais Krankheit zu seinem Lebenszweck. Sucht oder Abhängigkeit sind sicher gut erforscht, aber zumeist rein theoretisch. Und Theorie hilft bei eigener Betroffenheit oft wenig. Deshalb muss jede/r Betroffene seinen bzw. ihren Weg des Umgangs finden – mithilfe eines Mosaiks von eigenen und fremden Erfahrungen, die auch in Frage gestellt werden können, ebenso wie verbreitete Lehrmeinungen. 

Bücher, die mich begleitet haben und Teil meines Mosaiks wurden, stelle ich im Anhang kurz vor.

Auch, wenn es kein gutes Ende nahm: Vielleicht kann Leas Schicksal dazu beitragen, dass Jugendlichen die Lust auf  Drogenkonsum vergeht. Und, dass Eltern und andere Betroffene einen Einblick erhalten. 

Neben meinen Erinnerungen wird Lea deshalb auch selbst zu Wort kommen, durch Briefe, die sie schrieb, und durch ihre Tagebücher. Nur so kann sie sich äußern, denn „wenn ein Mensch stirbt, dann stirbt mit ihm sein erster Schnee und sein erster Kuss und sein erster Kampf … all das nimmt er mit sich.“ (Jewgeni Jewtuschenko) Was sie hinterlassen hat, sind neben den vielen schönen und schmerzlichen Erinnerungen auch ihre Gefühle und Gedanken, so, wie sie sie aufgeschrieben hat. Und so kann sie durch ihre Aufzeichnungen warnen. 


Trauer hat viele Gesichter


Wenn der Sohn oder die Tochter stirbt, dann fühlt man sich erst einmal, als würde das eigene Leben enden. Jede Form der Trauer ist angemessen, wie beim Umgang mit Drogenabhängigen gibt es kein Richtig oder Falsch. Es gibt auch keinen Zeitplan, wann Trauer zu enden hat: Bei mir meldete sich ein ehemals guter Freund nach einem Jahr des Schweigens mit dem Vorschlag, nun könne man zur Tagesordnung übergehen. Aber Lea war ja noch immer tot. 

Von kompletter Lähmung bis zu übertriebenem Aktionismus ist alles in Ordnung. Kein Außenstehender kann vorschreiben, wie man zu trauern hat. 

Als betroffene Mutter kann ich sagen: Die Trauer endet. Es wird nie mehr so, wie es war, aber es gibt ein anderes Leben, ein Danach. Mir fiel es sehr schwer, das zu finden, dieses Danach, zu sehr habe ich mich an den Verlust geklammert, wollte mein altes Leben zurückhaben, wollte Lea zurückhaben. Egal wie. Versehrt, abhängig – Hauptsache, mit ihr weiterleben. Sinnbildlich gesprochen: Ich habe immer auf die Tür gestarrt, die für immer verschlossen bleiben wird. 

Erst Jahre nach Leas Tod hatte ich wieder ein „Es-geht-mir-gut-Gefühl“. Mehr noch – ich stand in meinem Garten und sagte zu einem Freund: „Eigentlich geht es mir jetzt viel besser als in den letzten Jahren mit Lea.“ 

Ich habe mich damals sehr geschämt für diesen Satz. Dabei ist er in Ordnung, das wird jeder wissen, der in einer ähnlichen Situation ist. 

Man kann unglaublich traurig sein und gleichzeitig auch erleichtert. 

Für eine amerikanische Studie wurden mal Eltern befragt, die ihre Kinder durch Unfälle oder Suizid verloren haben. Beide Gruppen sprachen auch von positiven Auswirkungen des Todes. Die, deren Kinder verunglückt waren, hatten das Gefühl, dass die Familie durch den Verlust näher zusammengerückt sei. Die Hinterbliebenen nach Selbsttötungen fühlten, wie Ruhe in ihr Leben zurückkehrte. Das war ein Gedanke, den ich kenne, den ich jetzt auch zulassen kann. Ich musste mir keine Sorgen mehr machen. Nicht mehr permanent in Angst leben. Ich war erlöst, und Lea auch. Das stand ja auch auf den Briefen, die ihre Freundinnen ihr mit ins Grab gaben: Wir hoffen, dass es dir jetzt besser geht


Man kann weiterleben


Nach dem Tod ihres Mannes Dave beschrieb Sheryl Sandberg ihre Gedanken und Gefühle auf Facebook. Sie glaubte, nie mehr glücklich sein zu können. Als sie sich dann nach einem Jahr neu verliebte, wurde sie von vielen kritisiert, sogar beschimpft, weil sie zu schnell nach Daves Tod wieder eine Beziehung eingegangen sei. Eine neue Beziehung einzugehen bedeutet nicht, den Verstorbenen weniger zu lieben. Und wenn man sich nach dem Tod des Kindes bewusst für das eigene Leben entscheidet, dann liebt man das Kind dadurch nicht weniger. 

Viele Eltern, die weitere Kinder haben, sind ja durch die Umstände gezwungen, zu funktionieren. Andere können es lernen. Das Weitergehen ist kein Verrat. Es gibt Eltern, die gründen Stiftungen, in denen sie sich engagieren. Beschrieben wird dieses Vorgehen als posttraumatisches Wachstum. Das erlebt der Vater, der nach dem Tod des Sohnes Psychologie studiert, oder der Therapeut, der als verwaister Vater einen neuen Ansatz der Trauerarbeit entwickelt. 

Ich habe lange Jahre zwischen beiden Polen gelebt. Habe mich weder am Schmerz festgeklammert noch mich oder mein Leben neu erfunden. Vielleicht war ich zu sehr mit dem Überleben beschäftigt. Jetzt bin ich an dem Punkt angelangt, von dem aus ich weitergehen kann. 

Joe Kasper, der Vater, der ein Psychologiestudium begann, entwickelte einen therapeutischen Ansatz, den er „Co-destiny“ (Schicksalsgemeinschaft) nannte und der Eltern anregt – stark verkürzt gesagt –, einen Sinn in der Tragödie zu sehen. Wer viel gelitten hat, kann sein Wissen anderen weitergeben, damit bekommt nicht nur das Leben einen Sinn, sondern auch das Leid.

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