Märchenprinz sucht Aschenputtel

Märchenprinz sucht Aschenputtel

von: VICTORIA PADE

CORA Verlag, 2010

ISBN: 9783862950799 , 144 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 2,49 EUR

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Märchenprinz sucht Aschenputtel


 

1. KAPITEL

„Manchmal verstehe ich dich einfach nicht, Blake. Letzte Woche erzählst du mir, dass McCord Jewelers rote Zahlen schreiben, dass du aber glaubst, wir könnten den Santa-Magdalena-Diamanten finden und damit alle Probleme lösen. Und jetzt reißt du mir fast den Kopf ab, nur weil ich mich nach deinen Fortschritten erkundige.“

Tanya Kimbrough zuckte erschrocken zusammen.

Es war nach elf Uhr abends, und sie hatte hier in der Bibliothek nichts zu suchen. Der vornehm eingerichtete Raum mit den hohen Bücherregalen gehörte zum Anwesen der McCords, der Familie, für die ihre Mutter als Haushälterin arbeitete.

Doch Tanya war nun einmal neugierig. Ihre Mutter schlief schon längst, und die McCords befanden sich auf einem Wohltätigkeitskonzert. Angeblich. Warum Tate McCord und sein älterer Bruder Blake nun trotzdem nebenan im Salon standen und sich stritten, wusste sie nicht.

Wie ertappt stand sie in der Bibliothek. Sie hatte sogar die Deckenbeleuchtung eingeschaltet, weil sie dachte, sie wäre ganz allein im Haus.

Verschwinde auf demselben Weg, den du gekommen bist, schoss es ihr durch den Kopf.

Das Licht konnte sie auf keinen Fall ausmachen, das wäre nebenan sofort aufgefallen, denn die Tür zum Salon stand einen Spalt offen. Gekommen war sie durch die Terrassentür, die in den Garten führte – und sie hatte den Generalschlüssel ihrer Mutter benutzt, um sie zu öffnen. Wenn sie sich jetzt aus dem Staub machte, würde das nie jemand erfahren.

Sie musste einfach nur zur Terrasse schleichen und …

Doch dann gab Blake McCord seinem Bruder endlich eine Antwort, und Tanya blieb, wo sie war. Wenn sie dieses Gespräch belauschte, verhalf ihr das zu viel mehr nützlichen Informationen als die Aktenmappe, die sie auf dem Lesepult gefunden hatte.

„Die Suche nach dem Santa-Magdalena-Diamanten läuft“, erklärte Blake. „Und wir sind dabei, gelbe Diamanten aufzukaufen, die dazu passen, um eine neue Schmuckkollektion herauszubringen. Zeitgleich haben wir eine Werbekampagne gestartet, um die Kunden neugierig zu machen und das Geschäft anzukurbeln. Mehr brauchst du nicht zu wissen. Wir haben schließlich mal abgemacht, dass ich das Unternehmen leite und dich – genau wie die anderen – nur über das wirklich Wichtige informiere. Du solltest dich lieber mehr um deine Verlobte kümmern. Finde ich jedenfalls.“

„Das geht dich überhaupt nichts an“, gab Tate zurück.

Sein scharfer Tonfall überraschte Tanya. Normalerweise verstanden sich die beiden Brüder gut, und Tate war sowieso der umgänglichere. Doch Tanyas Mutter hatte schon mehrmals erwähnt, dass Tate sich verändert hatte, seit er aus dem Irak zurückgekehrt war. Jetzt verstand Tanya, wie sie das meinte.

„Es geht mich vielleicht nichts an, aber ich sage trotzdem, was ich denke“, beharrte Blake. „Einer muss es ja tun. Du benimmst dich Katie gegenüber ziemlich gleichgültig. Wenn du ihr nicht bald mal zeigst, dass sie dir etwas bedeutet, hat sie irgendwann genug von dir.“

Katie, das war Katerina Whitcomb-Salgar, die Tochter einer befreundeten Familie aus der High Society. Alle, die mit den McCords zu tun hatten, rechneten schon lange damit, dass sie Tate demnächst heiraten würde.

„Du wirst Katie verlieren“, erklärte Blake aufgebracht. „Und das geschieht dir dann ganz recht!“

„Sorg du dafür, dass wir aus den roten Zahlen kommen. Wenn ich deinen Rat hören will, frage ich dich einfach, okay?“, erwiderte Tate heftig.

Damit schien das Gespräch beendet zu sein, denn Tanya hörte Schritte. Doch nur ein Bruder verließ den Salon. Der andere …

… kam direkt auf die Tür zur Bibliothek zu.

Jetzt war es zu spät, um unauffällig zu verschwinden.

Tanya ging hinter dem Lesepult in Deckung und hoffte, dass es sie verdeckte, wenn er die Tür weiter öffnete, um das Licht auszuschalten.

Dann durchfuhr sie ein heißer Schreck. Was hatte ihre Mutter noch erzählt? „Tate will nicht mal mehr im Hauptgebäude wohnen, seit er aus dem Irak zurück ist. Er hat sich im Gästehaus einquartiert …“

Und das stand im Garten. Also wollte Tate – wenn er es denn war – möglicherweise nicht nur das Licht ausmachen, sondern durch die Bibliothek nach draußen gehen …

Tanyas Herz hatte schon schneller geschlagen, seit sie die Stimmen der McCords gehört hatte. Doch jetzt raste ihr Puls geradezu. Dass sie sich zu so später Stunde in der Bibliothek aufhielt, hätte sie ja vielleicht noch erklären können. Aber gab es einen vernünftigen Grund, weshalb sie sich hinter dem Pult versteckte?

Ganz abgesehen davon, dass sie die Papiere, in denen sie geschnüffelt hatte, noch in der Hand hielt. Das fiel ihr allerdings erst jetzt auf.

Bitte, bitte, komm nicht rein …

„Was ist denn hier los?“

Oh nein …

Tanya hatte sich so klein wie möglich gemacht, doch als Tate McCords Stimme in ihren Ohren dröhnte, hob sie den Kopf und merkte, dass er sich über das Pult beugte und sie sehen konnte.

Diese Situation war weitaus schlimmer als damals, als sie dabei erwischt worden war, wie sie von der Geburtstagstorte seiner Schwester naschte. Seine Mutter Eleanor hatte damals sehr verständnisvoll reagiert und gelächelt. Tate McCord dagegen sah in diesem Moment alles andere als freundlich aus.

So würdevoll wie möglich stand sie auf, die Blätter noch immer in der Hand. Sie und Tate hatten sich sieben Jahre lang nicht gesehen, weil sie in Kalifornien aufs College gegangen war. Und selbst davor, als sie bei ihrer Mutter in dem kleinen Dienstbotenhaus auf dem Gelände gewohnt hatte, hatten sich ihre Wege nicht oft gekreuzt. Schließlich war sie hier nur die Tochter der Haushälterin. Die McCords sahen sie zwar hin und wieder, nahmen sie aber gar nicht richtig wahr.

Da sie nicht wusste, ob Tate McCord sie überhaupt wiedererkannte, sagte sie zögernd: „Wahrscheinlich erinnerst du dich nicht an mich …“

„Du bist Tanya, JoBeths Tochter. Aber was zum Teufel machst du hier mitten in der Nacht?“

Er warf einen Blick auf die Papiere, die sie hielt, streckte schweigend die Hand danach aus und blätterte sie durch. Es handelte sich um Entwürfe für Anzeigen, die eine neue Schmuckkollektion mit gelben Diamanten bewarben. Tanya hatte sie aus der Mappe genommen, die aufgeschlagen auf dem Lesepult lag.

Während Tate sich mit den anderen Entwürfen in der Mappe beschäftigte, dachte Tanya darüber nach, warum sie ihren kleinen Ausflug ausgerechnet in einem alten, verwaschenen, viel zu großen Sweatshirt und schwarzer Schlafanzughose mit aufgedruckten Comicfiguren gemacht hatte. Hätte sie sich wenigstens die Wimpern getuscht und ihr schulterlanges dunkelbraunes Haar nicht zu einem achtlosen Pferdeschwanz gebunden!

Dass sie aussah, als käme sie gerade aus dem Bett, machte die Situation auch nicht besser. Als sie merkte, dass ihr der weite Ausschnitt des Sweatshirts über die Schulter gerutscht war, zupfte sie ihn so unauffällig wie möglich wieder zurecht.

Tate McCord sah es trotzdem, weil er ausgerechnet in diesem Moment aufblickte. Überrascht stellte Tanya fest, dass seine Augen viel blauer waren, als sie sie in Erinnerung hatte.

Leider wirkte er noch immer ärgerlich.

„Ich frage noch mal: Was machst du hier um diese Zeit, und was fällt dir ein, in Papieren herumzuschnüffeln, die dich nichts angehen?“

Er warf die losen Blätter zurück in die Mappe.

„Ich weiß, dass das nicht gut aussieht“, murmelte sie zerknirscht.

Ganz im Gegensatz zu ihm. Er sah sogar noch besser aus als früher. Groß und schlank war er schon immer gewesen, doch jetzt wirkten seine Schultern breiter und sein Körper muskulöser. Seine Gesichtszüge waren klarer, mit einem kantigen Kinn und hohen Wangenknochen. Die Lippen hatte er im Moment streng zusammengepresst, was zusammen mit seiner schmalen Nase und dem durchdringenden Blick etwas Furcht einflößend wirkte. Trotzdem bemerkte sie, wie gut es ihm stand, dass er das dunkelblonde Haar jetzt länger trug als früher.

Aber er wartete auf ihre Antwort.

„Meine Mutter hat heute bei der Arbeit ihre Strickjacke hier liegen lassen“, erklärte sie und deutete auf das Kleidungsstück, das über der Stuhllehne hinter ihr hing. „Sie friert leicht, wenn sie morgens durch den Park zum Haus hinübergeht, und da wollte ich sie ihr heute noch holen.“

Das war nicht gelogen, klang allerdings angesichts der Tatsachen sehr fadenscheinig.

„Da du gerade schon mal hier warst, hast du dir gedacht, du schaust dich mal um. Und zwar nach Dingen, die dich absolut nichts angehen. Dann hast du dich hinter dem Pult versteckt, damit Blake und ich nicht merken, dass du uns belauschst? Oder willst du mir erzählen, du hättest nichts gehört?“

Sein Tonfall war schneidend und ironisch. Dass er mit allen Anschuldigungen recht hatte, machte die Sache nicht besser.

Vielleicht war Angriff hier die beste Verteidigung …

„Ich habe jedenfalls genug gehört. An den ganzen Gerüchten, dass es mit McCord Jewelers bergab geht, ist ja offenbar etwas dran. Und anscheinend stimmt es sogar, dass ihr den Santa-Magdalena-Diamanten sucht.“

„Also hast du eine ganze Menge gehört.“

„Ich gebe zu, dass ich neugierig geworden bin, als ich zufällig die Mappe sah“, fuhr sie fort. „Sie lag nämlich schon offen da …“

Jetzt fing Tanya an, Märchen zu erzählen....