Im Inselreich der Liebe

Im Inselreich der Liebe

von: Marion Lennox

CORA Verlag, 2010

ISBN: 9783862950751 , 144 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 1,49 EUR

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Im Inselreich der Liebe


 

1. KAPITEL

Athena ließ ihren Blick über die versammelten Schönen und Reichen schweifen und formulierte im Geiste die ersten Sätze für ihre Modekolumne. Und dann sah sie ihn – Nikos.

Er stach heraus wie kein anderer. Die übrigen Männer trugen schwarze T-Shirts, schwarze Jeans und Dreitagebart. Die Frauen machten auf Audrey Hepburn mit Wespentaille, weitem Rock und Perlenkette. Der Fifties-Look war gerade angesagt.

Gegessen wurde kaum etwas. Wespentaillen vertrugen keine Snacks, und es wirkte nicht cool, auf Häppchenjagd zu gehen.

Nikos hingegen hatte ein Bier in der Hand, und als einer der wenigen Kellner mit einem Tablett voller Kaviarblini vorbeikam, nahm er sich gleich vier davon. Eines steckte er sich sofort in den Mund, dann ließ er seinen Blick wieder durch den Raum wandern.

Er suchte nach ihr.

Zehn Jahre, und ihr blieb bei seinem Anblick noch immer das Herz stehen.

Rasch nahm sie einen zu großen Schluck von ihrem zu trockenen Martini und bekam ihn prompt in den falschen Hals.

Oh weh! Sich zu verschlucken war eindeutig noch peinlicher, als beim Naschen erwischt zu werden.

Einige schnelle Schritte, und Nikos stand neben ihr. Er nahm ihr das Glas ab, klopfte ihr nicht zu fest auf den Rücken und wartete ab, bis sie sich wieder gefangen hatte.

Ich könnte eine Ohnmacht vortäuschen, dachte sie einen verzweifelten Augenblick lang. Dann würde man sie in einen sicheren Erste-Hilfe-Raum bringen, wo sie sich von dem Schrecken erholen könnte. Denn ihr Herz hatte zu rasen begonnen, als sie so unerwartet den Mann vor sich sah, den sie vor zehn Jahren verlassen hatte.

Leider war es mit ihren schauspielerischen Fähigkeiten nicht weit her, und niemand schien ihre Atemnot besonders ernst zu nehmen.

Außer Nikos.

Sie hatte ihn gar nicht so groß in Erinnerung. Und so … attraktiv. Seine verblichenen Jeans standen in starkem Kontrast zu dem allgegenwärtigen Designer-Schwarz. Dazu trug er ein abgetragenes weißes Baumwollhemd, bei dem die obersten beiden Knöpfe fehlten. Über seinem Arm baumelte eine ältere Lederjacke.

Der Moderedakteurin in ihr entging nichts – stylish.

Mehr als das. Ganz und gar Nikos.

Sie hustete länger als nötig, um Zeit zu gewinnen. Sein dunkles, lockiges und ein wenig zu langes Haar widersetzte sich jedem Versuch, es zu bändigen. Die Fältchen um seine schwarzbraunen Augen legten ebenso wie seine Bräune Zeugnis ab von einem Leben am Meer.

Nikos, der Fischer.

Ihre Kindheitsliebe.

Aus dem attraktiven Jugendlichen war ein … Sie konnte es nicht beschreiben. Der Moderedakteurin eines weltbekannten Hochglanzmagazins fehlten die Worte.

So ging es nicht weiter. Sie musste etwas sagen. Irgendwas. Die Blicke sämtlicher Partygäste waren inzwischen auf sie gerichtet. Sie konnte nicht einfach wieder zu husten anfangen.

„Möchtest du deinen Drink wiederhaben?“ Seine Stimme hatte einen leicht amüsierten Unterton. Sie war tiefer geworden, ein wenig rau, und er hatte einen verdammt erotischen griechischen Akzent.

Alles an ihm wirkte erotisch.

Seit ihr Hustenanfall vorüber war, konzentrierten sich die Models, Designer, Presseleute und Einkäufer auf ihn. Logisch. Seine Ausstrahlung weckte viele Begehrlichkeiten.

„Wirst du’s überleben?“, erkundigte er sich sanft. Sie dachte kurz nach. Vielleicht, wenn er wegging.

„Was willst du hier?“, fragte sie unfreundlich zurück.

„Ich habe dich gesucht.“

„Bei dieser Veranstaltung kommt man nur mit einer Einladung herein.“

„Stimmt.“ Es klang, als hätte er keinen Gedanken daran verschwendet. Wie hatte er das zuwege gebracht? Die Gäste waren handverlesen. Und er schien einfach hereingeschlendert zu sein.

„Du siehst entzückend aus.“ Er maß sie von Kopf bis Fuß.

Gut beobachtet. Sie hatte sich sehr sorgfältig zurechtgemacht. Ihr kurzes rotes Kleid betonte ihre Figur an den richtigen Stellen, und es war ihr gelungen, ihr störrisches schwarzes Haar zu einer für ihre Verhältnisse eleganten Frisur hochzustecken. Allerdings wusste sie auch, dass sie in diesem Kreis von Modebesessenen nicht weiter auffiel.

„Geh wieder“, sagte sie, doch er schüttelte nur den Kopf.

„Unmöglich, Prinzessin.“

„Nenn mich nicht so!“

„Es ist dein Titel.“

„Bitte, Nikos, nicht hier.“

„Wie du willst“, gab er nach. „Aber wir müssen miteinander reden. Am Telefon geht es nicht, weil du immer den Hörer auflegst.“

„Heutzutage legt man keinen Hörer mehr auf.“

„Auf Argyros schon. Aber erst wenn das Gespräch beendet ist.“

„Ich lebe aber nicht auf Argyros.“

„Genau darüber möchte ich mich mit dir unterhalten. Es wird Zeit, dass du nach Hause kommst.“ Er reichte ihr den Martini, trank sein Bier aus und aß alle drei Blini. Dann sah er sich nach Nachschub um. Unverzüglich standen zwei Kellner neben ihm.

Er hat noch immer diese elektrisierende Ausstrahlung, dachte sie. Die Menschen fühlten sich magisch von ihm angezogen.

So wie sie selbst vor langer Zeit.

„Also, was hältst du davon?“ Er lächelte die Kellner an und bedankte sich.

Oh, dieses Lächeln.

„Warum sollte ich nach Hause kommen?“

„Es geht nur um eine Kleinigkeit – den Fürstentitel. Du hast doch sicher Zeitung gelesen. Dein Cousin Demos behauptet, er habe mit dir geredet. Und ich bin sicher, Alexandros hat sich auch bei dir gemeldet. Oder hast du bei ihm auch aufgelegt?“

„Natürlich nicht.“

„Dann weißt du also, dass dir der Fürstentitel von Argyros zusteht.“

„Mir liegt nichts daran. Demos kann den Titel haben“, sagte sie hitzig. „Er ist sowieso scharf drauf.“

„Demos ist Zweiter in der Erbfolge. Du bist die Erste.“

„Aber ich habe das Recht, den Titel abzulehnen. Und das werde ich. Dieses ganze Getue ist völlig lächerlich und überkommen. Wenn du mich jetzt bitte entschuldigst …“

„Thena, du hast keine Wahl. Du musst nach Hause kommen.“

Thena. Er war der Einzige, der ihren Namen je abgekürzt hatte. Plötzlich spürte sie wieder … Es durfte nicht sein.

Fass dich kurz und sieh zu, dass du ihn loswirst.

„Du hast recht“, stieß sie hervor. „Ich habe keine Wahl. Mein Zuhause ist hier.“

Und jetzt nichts wie weg. Der Raum kam ihr plötzlich viel zu eng vor. Ihre Vergangenheit hatte sie eingeholt, und sie fühlte sich, als habe man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen.

Mit Nikos im selben Gebäude? Unmöglich. In derselben Stadt? Undenkbar. Sie und Nikos und ihr gemeinsamer Sohn?

Nein!

Die Angst schnürte ihr die Kehle zu.

„Nikos, gib auf!“, stieß sie hervor. „Ich gehe nicht fort von hier. Und ich habe heute Abend noch etwas vor. Wenn du mich also entschuldigst …“ Sie drückte ihm ihr Martiniglas in die Hand, und bevor er antworten konnte, war sie in der Menge verschwunden.

Ohne ihren Mantel an der Garderobe abzuholen, stürmte sie in die Dunkelheit hinaus. Es war kalt, doch sie spürte nichts.

Vielleicht würde er sie entkommen lassen.

Sie konnte es sich nicht vorstellen, nachdem er die weite Reise auf sich genommen hatte.

Es regnete. Ihre hochhackigen Schuhe waren nicht für Fußmärsche gedacht. Sie erwog kurz, sie auszuziehen, um schneller voranzukommen. Bestimmt würde er ihr folgen.

Natürlich folgte er ihr.

Als er neben ihr auftauchte, war es für sie trotzdem wie ein Schlag in die Magengrube. So sehr bedrohte er ihre ganze Existenz.

„Wohin gehen wir?“, fragte er sanft und passte sich ihrem Schritt an.

„Da, wo ich hin will, bist du nicht willkommen.“

„Springt man so mit einem Familienmitglied um?“

„Wir gehören nicht zur selben Familie.“

„Sag das mal meiner Mutter.“

Seine Mutter … Bedauern flackerte in ihr auf, als sie an Annia dachte. Sie sah Nikos von der Seite an und blickte dann schnell wieder nach vorn. Annia … Argyros …

Nikos.

Vor zehn Jahren war sie davongelaufen, und es hatte ihr das Herz gebrochen.

„Es geht um dein Erbe“, setzte er ihr Gespräch von eben unbekümmert fort.

„So etwas hatte ich nie. Giorgos hat alles an sich gerissen.“

„Der König ist tot, Athena. Er ist ohne Nachfolger gestorben. Das weißt du.“

„Was ändert das schon?“

„Das ändert alles. Die Diamanteninseln sind nun wieder drei unabhängige Fürstentümer. Die ursprünglichen Herrscherfamilien gelangen zurück an die Macht. Aber das ist dir ja bekannt. Weißt du übrigens auch, wie schön du bist?“ Er griff nach ihrem Arm und zwang sie, stehen zu bleiben.

Ihre Angst und ihre Verwirrung hatten sie immer schneller vorangetrieben, und nun begann der Regen sich in einen Graupelschauer zu verwandeln, Gift für ihre hohen Absätze, das...