Gewinnen ohne zu kämpfen - Taekwondo oder Die Entdeckung der Werte

von: Christian Seidel

Ludwig, 2011

ISBN: 9783641062248 , 304 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 15,99 EUR

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Mehr zum Inhalt

Gewinnen ohne zu kämpfen - Taekwondo oder Die Entdeckung der Werte


 

Das Bewusstsein – dein Seelenfischer (S. 62-63)

Nach fünfundvierzig Minuten Training stehe ich normalerweise in einem klitschnassen Tobuk – einem weißen Taekwondo-Anzug – im Dojang. Ich zähle nicht mit, wie viele Schritte ich während eines Trainings mache, wie viele Fauststöße und Kicks. Ich weiß nur, dass es schweißtreibend viele sind. Das Eigenartige am Taekwondo ist, dass mir fast jeder Schritt bewusst ist und dass während des Trainings so viele Erinnerungen in mir hochkommen. Als würden sie sich durch die Bewegungen meines Körpers und die gleichzeitige Konzentration meines Geistes in mir lösen, wie Kalkstücke in einem alten Wasserkocher.

Dieser Prozess des Erinnerns half mir sehr bei der Bewältigung meines Burnouts, das sich durch ein diffuses Desinteresse gegenüber meiner gesamten Umwelt bemerkbar gemacht hatte. Ich war mir vollkommen entwurzelt vorgekommen. Meine Gefühle schwappten immerzu in überwältigend starken Wellen durch mich hindurch und zu irgendeiner Luke wieder hinaus. Weil das einfach so mit mir geschah, fühlte ich mich schutzlos und ausgeliefert. Ich empfand mein Leben nicht mehr als selbstbestimmt, sondern als würde es von außen gelenkt werden.

Nachdem ich mit dem Taekwondo angefangen hatte, begannen seine Elemente und Bewegungen in meine alltägliche Wahrnehmung einzudringen: Beim Treppensteigen, wenn ich einen Berg hinaufwanderte, beim Gang zum Bäcker in der Früh. Ich fand zu einem Gefühl für die Quelle meiner Aktivität, des eigenen Engagements zurück. Die Kombination aus körperlich zielgerichteter Bewegung und den durch Erinnern ausgelösten Gefühlen bewirkte allmählich wieder jene Erdung, die mir verlorengegangen war und die mir erst bewusstes Wahrnehmen und die selbstbestimmte Gestaltung eines wertvollen Lebens ermöglichte.

Die Kraft des Schrittes


Einen Schritt zu machen, ist unglaublich einfach, wenn man nicht an ihn denkt. Konzentriert man sich aber auf ihn, drängen sich augenblicklich alle möglichen Fragen auf: In welche Richtung soll ich gehen? Mit links oder rechts zuerst? Was mache ich dabei mit den Händen? Und schon wird der Schritt unsicher. Durch das Taekwondo rückten nicht nur meine eigenen Schritte wieder in mein Bewusstsein. Mit jedem Mal vollen körperlichen und geistigen Einsatzes im Training erinnerte ich mich wieder an die wertvollen Seiten meines eigenen Lebens.

Eines Tages übte ich einmal mit einer Partnerin, von der ich dachte, dass sie Ärztin sein müsste, obwohl ich rein gar nichts von ihr wusste. Sie sah einer Frau ähnlich, der ich früher begegnet war. Ich erinnerte mich an ein Erlebnis in einer Zeit, als ich schon einmal versucht hatte, einen Schritt in eine neue Richtung zu machen. »Du weißt schon, dass du dir letztlich nur selbst helfen kannst?!« Die Seminarleiterin, die so mit mir gesprochen hatte, war Ärztin gewesen und hatte große Ähnlichkeit mit der Frau, mit der ich an jenem Tag trainierte.

Die Situation, in der ich diesen Rat erhielt, gleich zu Beginn eines intensiven Meditationskurses in Arizona kurz nach meinem Unfall, war mir ziemlich peinlich. Vor den anderen Teilnehmern, einem bunt zusammengewürfelten Haufen neugieriger Geschäftsleute, Künstler und Lebensbegeisterter kam ich mir bloßgestellt vor, wie einer, der sich selbst nicht im Griff hat. Mir selbst helfen, lautete die Aufforderung der Seminarleiterin – aber ich spürte nur eine tiefe Enttäuschung.

Die skeptischen Stimmen in mir begannen sofort zu rumoren. Ich war angereist, hatte bezahlt und suchte in diesem Meditations-Retreat gerade durch meine Teilnahme konkrete Anregungen. Ich wollte keine schlicht gestrickten, banalen Lebensweisheiten zu hören bekommen, und das noch vor der versammelten Mannschaft aller Seminarteilnehmer. Nachdem ich meine Karriere zu Beginn genossen hatte und glücklich war, dass ich einem Beruf nachging, in dem meine Kreativität einen Ausdruck finden konnte, hatte ich mich mit den Jahren immer häufiger und ohne sichtbaren Grund ausgelaugt gefühlt.